27. November 2020

Der neue Haard Rundkurs im Spotcheck

Es ist Sonntag der 26. April 2020, ein herrlicher Sonntagmorgen mit grandiosen frühsommerlichen Wetteraussichten. Doch nach wie vor hat Covid 19 den Globus fest im Griff, die Zahl der weltweit Infizierten geht in Richtung 3 Millionen und die Anzahl der Todesfälle wird in Kürze die Marke von 200.000 überschreiten. Ob Reisebeschränkungen, Kontaktverbote oder ähnliche Anordnungen: Es wird vieles unternommen, um die Ansteckungsraten in den Griff zu bekommen. Aber wir stehen auch kurz vor den ersten Lockerungsmaßnahmen, die Schulen haben den Betrieb wieder aufgenommen und die ersten Geschäfte dürfen wieder öffnen.

Solo-Radfahrten und der Aufenthalt im Freien sind ohnehin fast uneingeschränkt erlaubt, daher bietet sich der Blick auf meine MTB-Bucket List an. Es sollte am Besten ein Spot in der Nähe sein, ohne großes Verletzungsrisiko, aber doch mit einem gewissen Anspruch. Dauert keine 60 Sekunden, da landet mein Finger auf dem Eintrag mit dem neuen 42 km langen offiziellen Rundkurs in der Haard. Die offizielle Eröffnung durch den RVR der auch als „Haard on Tour“ (HOT) betitelten Strecke war für den 28.3.2020 geplant. Bis C19 den Veranstaltern einen Strich durch die Planung machte.

Da mir die Haard grundsätzlich als abwechslungsreiches Terrain bekannt ist – immerhin eine Gesamtwaldfläche von ca. 5.500 Hektar mit Erhebungen bis 157 Metern – und dem Wissen, dass auch die komplette Beschilderung der neuen Runde bereits angebracht ist, spricht vieles für den morgendlichen Selbstversuch. Und wenn die Presse das neue Streckennetz schon als „Mekka für Mountainbiker“ anpreist, dann will ich auch nicht bis zum neuen Termin warten. Wer weiß, wie lange Corona noch wütet. Also, Trinkflasche gefüllt, Riegel in den Rucksack und ab auf das Fully!

Der eigentliche Start erfolgt in meinem Fall beim Wanderparkplatz am Restaurant Mutter Wehner. Eine Übersichtstafel zur Runde ist dort aktuell nicht vorhanden, aber die erste Markierung mit dem Hinweis „Zuweg zum Rundkurs“ ist schnell gefunden.

Über diesen Zuweg gelangt man unkompliziert zum Einstieg in die Runde und ich gehe davon aus, dass es von den anderen Wanderparkplätzen rund um die Haard ähnlich gut funktioniert. Insgesamt ist die Beschilderung auf dem kompletten Streckennetz sehr gut, auch wenn ich bereits nach gut 2 km einen Abzweig verpasst habe. Im Wald geht es zumeist über relativ breite Wege mit ebenem Belag und wenigen Wurzeln.

Geht auch schmaler

Hin und wieder wird es etwas schmaler, gefühlt sind aber meiner Meinung nach mehr als 80 % Waldautobahn. Was grundsätzlich kein Kritikpunkt ist, denn diese Art von Streckenführung gibt es auch im Sauerland oder in Österreich. Man sollte sich dessen nur vorher bewusst sein. Die zu bewältigen Hügel mit den anschließenden Abfahrten sind bei guter Grundkondition problemlos zu bewältigen. Insgesamt werden keine fahrerischen Skills benötigt, die gesamte Runde bewegt sich auf dem S0-Niveau der Single-Trail-Skala. Auch das sollte man vorher wissen, bevor man mit seinem 170 mm-Hobel eine sportliche Herausforderung der Federelemente erwartet. Ein klassisches XC-Revier also. Das zeigt sich auch beim Blick auf die aufgezeichneten Daten: Ein 17er Schnitt bei knapp 580 hm trotz gewissenhafter Einhaltung der Trail-Etikette (be nice, say hi)!

Welche Zielgruppe soll erreicht werden?

Stellt sich die Frage, wer Adressat des Konzeptes ist? Immerhin sind laut RVR gut 50.000 Euro in die Entwicklung und Realisierung von HOT geflossen. Wer sich in der Haard auskennt, wird wahrscheinlich andere Routen fahren, Komoot und Co. bieten da unzählige Alternativen. Die Locals vom Verein Haardbiker sind ebenfalls eine gute Adresse für Ortsunkundige. Wer von außerhalb kommt, z.B. aus dem Bergischen Land oder aus dem östlichen Ruhrgebiet, wird eine Anfahrt in die Haard wahrscheinlich einer Runde vor der Haustür gegenüberstellen. Und da bin ich gespannt, wie viele Biker*nnen sich von dem Konzept (auch langfristig) überzeugen lassen.

Aber auch hier nochmal gerne zurück zum Ziel des RVR: Es geht um die naturverträgliche Tourismusentwicklung in der Haard. Und spätestens hier können wir in Kommentarspalten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag diskutieren, was denn „naturverträglich“ ist. Ob der Ausbau der A43 auf 6 Spuren nicht mehr Schaden anrichtet, als ein paar Kilometer feinste Trails statt landebahnähnlicher Teilstücke. Die Diskussion ist müßig: Sofern wir als Community mehr wollen, bleibt nur der Weg über konzentrierte Lobby-Arbeit. Dieser Weg ist steinig und birgt sicherlich viele Enttäuschungen, hat aber wenig Alternativen.

Mein subjektiv geprägtes Fazit: 

Pro

  •  Gute XC-Trainingsrunde
  •  Angenehmer Belag
  •  Viel Natur
  •  Gute Beschilderung
  •  Abkürzungen möglich
  •  Abseits der Wanderparkplätze wenig Publikum
  •  Abseits der Runde Möglichkeiten zur Einkehr
  •  Ausreichend Parkmöglichkeiten

Contra

  •  Zu viel Waldautobahn (zu gerade, zu breit)
  •  Zu wenig Streckenoptionen (ja ok, ist ja auch ein Rundkurs ;-))
  •  Fehlende MTB-Kombinationen als Anschlussrouten
  •  Fehlende Anbindung von Bikeparks / Pumptracks
  •  Bis auf den begehbaren Feuerwachturm wenig Plätze mit Weitblick

Wir sind gespannt auf eure Erfahrungsberichte und Ansichten. 

Bleibt gesund und respektiert die Trail Rules!

9 Gedanken zu “Der neue Haard Rundkurs im Spotcheck

  1. Hallo Rudi,
    zumindest der Punkt “ Fehlende Anbindung von Bikeparks / Pumptrack“
    ist in Arbeit. Die grobe Planung sieht einen Bereich am Maritimo vor…
    Leider ruht zur Zeit alle Planung 😞

    1. Hallo Sascha,

      danke, dass du dir Zeit genommen hast, den Bericht zu lesen.
      Und besten Dank auch für den „Appetizer“ in Sachen Bikepark. Das klingt spannend…

      Schönes Wochenende
      Rudi

  2. Hallo,
    auch ich bin die Route schon gefahren. Mein Fazit unterscheidet sich jedoch in einigen Punkten. Aus „subjektiver Sicht“ halte ich die Route für grundsätzlich abwechslungsreich. Unsere Auffassungen darüber, was eine Waldautobahn ist, scheinen sich signifikant zu unterscheiden. Denn diese breiten, für LKW geeigneten Forststrassen, werden nur in wenigen Abschnitten genutzt. Vielmehr geht es größtenteils über Waldwege und natürlich auch Singletrails, die größtenteils einen naturnahen Oberflächencharakter aufweisen. Viele Singletrails sind quasi „downgeradete“ Forstwege, was auch den oft geradlinigen Verlauf dieser Wege erklärt. Insbesondere im Osten der Haard geht es jedoch deutlich kurviger und auch flowiger zu. Der Routenverlauf stellt im Übrigen eine Kompromisslösung dar, die erforderlich war, um die Interessen, der an der Realisierung beteiligten Akteure, unter einen Hut zu bekommen. Den Schwierigkeitsgrad der Trails stufe ich von S 0 bis S 1 ein. An einigen (wenigen) kurzen Abschnitten könnte man dank Wurzeln, losen Steinen, Sand und Gefällecharakter auch noch darüber hinaus gehen. Mit einem Hardtail wird man abschnittsweise richtig durchgeschüttelt, so dass ein Tourenfully deutlich mehr Fahrkomfort bietet. Da die Route fast ausschließlich durch ein geschlossenes Waldgebiet verläuft, sind weite Aussichten natürlich rar gesät. Aber auch viele Kahlschläge bieten schöne Ausblicke, halt nur nicht bis zum Horizont. Dafür gibt’s jede Menge „Nadelwaldaroma“ für die Nase, fast wie in den Pinienwäldern am Mittelmeer.

    1. Hallo Gerd,

      danke für dein umfangreiches Feedback und deinen Eindrücken von der Runde.
      Das es gerade beim Thema MTB mit all seinen (glücklicherweise) vielfältigen Varianten schwierig ist, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, ist schon klar.

      Daher möchten wir auch allen Leser*innen ans Herz legen, solche Dinge immer selber auszutesten und sich ein eigens Bild zu machen.

      Schönes Wochenende
      Rudi

  3. Danke für den Bericht, meine Frage, da ich die Haard verdammt gut kenne als Flaesheimer, ob es eine Übersicht über die Streckengibt, zB ausgezeichnet in Komoot?
    Würde mir gern die Strecke mal vorab anschauen, um ggf auch „eigene“ Abkürzungen als Insider nutzen zu können.
    Dennoch danke dafür,

    Andy (Team Ha(a)rdbiker Flaesheim)

  4. Hallo zusammen,
    seit gestern ist die Strecke offiziell eröffnet. Ich bin diese bereits in Abschnitten gefahren, jedoch denke ich, dass man hier noch Optimierungsbedarf hat. Teilweise sehr schöne Strecken dabei, teilweise könnte man Abschnitte durch parallel verlaufende trails ersetzen. Ist zwar klagen auf hohem Niveau, aber als MTB Stecke sollte man die Forstwege (Autobahnen) lediglich kreuzen und nicht unbedingt als weg nutzen.
    Dennoch kann man froh sein, dass hier Geld für den MTB Sport investiert wurde. Wenn es nun die Spaziergänger auch als MTB Strecke erkennen und anerkennen würden, würde dem Fahrspass nichts im Wege stehen.
    Ach ja, Daten und Streckenverlauf sowie Flyer dazu sind beim RVR downzuloaden:

    https://www.rvr.ruhr/themen/tourismus-freizeit/waldband/mtb-haard-on-tour/

    Grüße von den Ha(a)rdbikern Flaesheim

    Andy

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